Hätte ich … (ein 1234 Wörtergeist)

Tag ein, Tag aus, schau ich mir dein Bild an und denke mir:

Hätte ich dich doch nur warnen können!

Ich liege auf meinem Bett. Auf meiner Brust befindet sich das Jahrbuch, mit diesem einen Bild von dir, und ich schwelge in Erinnerungen. Du warst stets freundlich, egal zu wem. Du warst stets hilfsbereit, wenn jemand deine Hilfe brauchte. Du warst stets da, außer …

Nein, ich sollte nicht wieder anfangen zu weinen, es ist doch schon 2 Monate her, aber ich tue es trotzdem. Das Jahrbuch lege ich auf meinem Nachttisch und rolle mich auf den Bauch. Mein Kissen ist noch immer ein wenig nass, doch das bemerke ich schon fast gar nicht mehr.

Hätte ich dich doch nur warnen können!

Du wärst noch immer hier. Vielleicht sogar bei mir? Vielleicht hätten wir etwas unternehmen können? Oder wir könnten nun nebeneinandersitzen und die Anwesenheit des anderen genießen.

So viele Fragen kreisen in mir und ich hebe meinen Kopf leicht an, um zu sehen, wie spät es ist. Es ist bereits kurz vor Mitternacht und ich fühle noch immer keinen Schlaf aufkommen, obwohl ich mir fast die Augen ausheule! Ich beiße mir auf die Unterlippe und kneif die Augen zu. Dass ich dich nie wieder sehen werde, macht mich krank. Es ist wie in einem Albtraum, nur leider kann ich, obwohl ich mich regelmäßig bis zur Schmerzgrenze kneife, nicht daraus erwachen.

Langsam muss ich wirklich schlafen gehen, doch als ich gerade die Lampe ausmachen will, kommt mir etwas komisch vor. Ich sehe mich um und entdecke an meinem großen Spiegel – neben meiner Zimmertür – einen Schatten.

„Hab‘ keine Angst“, höre ich ihn flüstern, doch ich lege mir, wie ein ängstliches Kind, schnell die Decke über den Kopf. Das kann doch nicht wahr sein! Ich muss wirklich träumen! Als ich kein weiteres Flüstern höre, schaue ich vorsichtig nach und sehe keinen Schatten an meinem Spiegel. Also war das doch nur eine Einbildung! Doch für meinen Seelenfrieden lasse ich dieses Mal die Lampe an und versuche einzuschlafen. Doch noch immer denke ich an dich und hasse mich selber, dass du nicht mehr da bist.

 

Meine Träume, die ich in der Nacht habe, sind so unerklärlich. Ich sehe dich und mich zusammen im Eiscafé sitzen. Ich sehe dich und mich im See baden.  Wir scheinen so glücklich. Doch es bleibt nicht lange so, denn wieder sehe ich diesen Schatten. Dieses Mal schleicht er um uns herum und ich versuche dich darauf anzusprechen. Du schaust mich nur fragend an, doch ich kann meinen Mund nicht öffnen. Du lächelst mich noch einmal an und verschwindest plötzlich. Ich befinde mich alleine im Wasser und versuche dich zu rufen, aber kein Laut dringt aus meinem Mund. Ich bin stumm! Ich kann dich nicht mehr sehen! Ich … bin … alleine …

„Aufstehen!“ und ein schnelles Klopfen an meiner Tür wecken mich und ich schau erschrocken zur Uhr. 7 Uhr! Ich komme zu spät zur Schule!

Als ich aus meinem Zimmer gehe und ins Bad will, überkommt mich eine Welle von Trauer und ich sinke vor der Badezimmertür auf den Boden und halte die Tränen zurück. Und es ist so, als ob mich jemand zum Trost in den Arm nimmt. Ich spüre die Wärme eines Körpers an meinem Rücken und den Druck von Armen auf meinem Bauch. Als ich nach hinten blicke, sehe ich … dich!

„Du bist es“, hauche ich und du nimmst deine Arme von mir. „Du bist es … wirklich.“

„Sei nicht mehr traurig. Wir sind bald wieder zusammen“, sagst du und ich drehe mich zu dir um. Ich will dir gerade sagen, wie schuldig ich mich fühle, doch du verblasst langsam.

„Nein, geh nicht!“, rufe ich, doch da bist du bereits fort. Meine Mutter kommt angerannt und sieht mich entsetzt an.

„Was hast du getan?“, fragt sie fast schon panisch und ich schaue sie verwirrt an. „Du blutest leicht am Hals! Geht es dir gut?“

Ich blute? Aber wann habe ich mich denn verletzt?

Mutter zerrt mich schnell auf die Beine und wir gehen ins Bad. Sie verarztet mich so gut sie kann und blickt mir sorgevoll in die Augen.

„Mir geht es gut, wirklich!“, sage ich und sie schüttelt mit dem Kopf.

„Ich hab mich fast zu Tode erschrocken, als ich dich dort sitzen sah, Liebes“, sagt sie und umarmt mich. Aber ihre Umarmung ist nicht so herzlich und warm wie die von dir. Nicht mal ein wenig. Oh, wie sehr ich dich doch vermisse.

 

Mutter sagt, ich soll heute nicht zur Schule gehen und lieber zu Hause bleiben. Die Schule hat sie bereits benachrichtigt und ich sitze mit meinem Verband um den Hals in der Wohnstube und schaue etwas fern. Wie öde. Ich schalte immer wieder um und seufze bei jeder Art von Liebesserie oder -sendung.

„Möchtest du etwas Spannendes unternehmen?“ Ich springe regelrecht auf, als ich dich neben mir sitzen sehe. Ich reibe mir ungläubig die Augen, doch du verschwindest nicht. Du bist wirklich da.

„Du bist wieder da?“, frage ich und du nickst. „Warum warst du weg, als ich dich auch umarmen wollte?“

„Ich dachte, dass ich dich zu sehr überrascht hätte und als ich hörte, dass deine Mutter kommt, bin ich lieber wieder ins Geisterreich getreten“, antwortest du und lächelst mich liebevoll an.

„Bitte verzeih mir“, fange ich an, setzte mich hin und du nimmst mich tröstend in den Arm. „Ich fühle mich so schlecht. Ich fühle mich so schuldig.“

„Sschh“, machst du und streichst mir über den Rücken. „Alles gut, wenn nicht ich, dann wäre die Frau neben mir erschossen worden. Und ihr Kind wäre ohne Mutter aufgewachsen.“

„Ich bin egoistisch, ich hätte eher ihren Tod bevorzugt statt deinen“, gestehe ich und löse mich von dir. Ich blicke dir in die Augen und genieße diesen Moment.

„Ich bin froh …“ Ich lasse nicht zu, dass du etwas sagst, denn ich verschließe deinen Mund mit meinem. Alles um uns herum verschwimmt, verwirbelt sich und verschwindet in eine Dunkelheit, die ich nie zuvor wahrnahm. Nur um uns herum ist ein schwaches Licht. Es gibt nur noch uns beide.

„Bitte geh nie wieder weg“, sage ich, als wir uns voneinander lösen. Du nickst nur stumm und streichst mir über den Nacken.

„Wir bleiben ewig zusammen. Versprochen“, hauchst du und küsst meinen Hals. Du bereitest mir wahrlich eine Gänsehaut! Endlich sind wir zusammen.

 

 

 „Seit einigen Tagen untersuchen Ermittler und Ärzte, weshalb junge Mädchen aus dem örtlichen Gymnasium psychische Störungen aufweisen. Einige von ihnen verletzten sich selber, reden mit imaginieren Gestalten oder wachen gar nicht mehr nach dem zu Bett gehen auf.

Oh, es wurde gerade bekannt gegeben, dass ein Mädchen, das wohl zu dem Jungen – der vor 2 Monaten von seinem entflohenen psychisch kranken älteren Bruder vor dem Gymnasium erschossen wurde – ein gutes Verhältnis hatte, heute um 10 Uhr tot in der Wohnung aufgefunden wurde. Ihre Pulsadern waren aufgeschnitten, der Hals war außerdem verletzt und wies sogar tiefe Bissspuren auf.

Das Phänomen der Bissspuren tauchte auch bei anderen Mädchen auf, diese waren aber zumeist an Stellen an ihrem Körper mit wenig Blutzufuhr, z. B. an der Schulter. Anfangs belächelten die Spezialisten diese Spuren und nannten sie „Vampirbisse“, aber seit dem neusten Fund, nennen sie diese Bisse „Dämonenkuss“. Denn es wurde auch Fleisch herausgerissen.

Wir haben leider keine weiteren Informationen, ob ein Serientäter die psychischen Störungen der Mädchen aufkommen lässt.

Bitte helfen Sie der örtlichen Polizei bei ihrer Suche.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

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5 Gedanken zu “Hätte ich … (ein 1234 Wörtergeist)

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